Ich bin verliebt

Peter ist ein Mensch, den nichts aus der Ruhe bringen kann. Einfach jemand der sich in jeder Situation kühl und überlegen verhält. Dieser Umstand ermöglicht ihm, das Leben aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Am besten, das war immer schon seine feste Überzeugung, man geht die Dinge logisch an. Man wäge das Für gegen das Wider ab. Vielleicht nimmt man dazu auch ein Blatt Papier zu Hilfe, schreibt rechts die ‚fürs' und links die ‚widers' und entscheidet sich dann für die linke oder für die rechte Seite, je nachdem wo die Liste länger geworden ist.
Aber eines Tages: Es war in der Werkskantine des Betriebes, dort wo er auch beschäftigt war. Ja, bis ihn dort der Blick aus den dunklen Augen der neuen Kollegin traf und augenblicklich sämtliche Sicherungen in seinem Gehirn dahinschmolzen.
Die neue Kollegin: Seit einigen Tagen in dem Betrieb aufgetaucht, mit telefonischen Kundenanfragen beschäftigt und in der kurzen Zeit Ihrer Anwesenheit leider keinen guten Ruf erworben. Man munkelt, sie sei kokett, keineswegs ein treuer Typ und außerdem gäbe sie sehr viel Geld für ihre Kleidung und Kosmetik aus.
Aber das waren ja nur Wortkrämereien. Diese Bedeutungslosigkeiten hatten sich längst aus Peters Denkapparat verabschiedet. Entscheidend war doch nur, was er jetzt sah: diese dunklen Augen, den lächelnden Mund, die schlanke, makellose Figur. Und keine kühle Überlegung weit und breit. Im Gegenteil. Peter fühlte eine Hitze in sich hochsteigen, er fürchtete rot zu werden wie ein Schulbub und sich zu verraten. Aber egal. Eines wusste er ganz sicher: Diese Frau muss es sein und keine andere.
Ja, er hatte sich verliebt.

Und auch Julia war eine Frau, wie man sich eine moderne Frau vorstellt. Unabhängig, beruflich erfolgreich und fern von Emotionen, die ihr Leben stören könnten. Nur selten dachte sie daran, dass auch sie einmal eine Partnerschaft eingehen könnte. Möglicherweise deswegen, weil man einer verheirateten Frau mehr Achtung entgegenbringt? Oder vielleicht weil ein Kinderwunsch in ihrem Unterbewusstsein keimte?
Wie auch immer. Wenn es wirklich so weit kommen sollte, dann müsste er etwas ganz Besonderes sein. Ein Akademiker. Und sportlich. Aber auch elegant. Auf jeden Fall gut aussehend. Und natürlich erfolgreich. Vielleicht auch mit einer eigenen Firma?
Und dann kam der Tag, wo sie mit einer Freundin ein Tanzcafe besuchte. Eher mehr aus Neugierde denn Tanzschritte hatte sie seit ihrem letzten Tanzkurs fast schon wieder vergessen. Die Tanzschule besuchte sie zu einer Zeit, als sie noch ein Teenager war.
Und an diesem Tag, in dem Tanzcafe, kam ein Typ an ihren Tisch, nicht viel größer als sie, nicht besonders gut aussehend, wahrscheinlich auch nicht reich, aber sehr elegant und höflich und forderte sie zum Tanz auf. Und während des Tanzes sprach er mit einer angenehmen ruhigen Stimme, verstreute nebenbei Selbstbewusstsein, war auch humorvoll und weckte in ihr ein bisher unbekanntes Gefühl, ein Gemisch zwischen Vertrautheit und Zuneigung. Sie tanzten und unterhielten sich für den Rest des Abends und verabredeten sich zu einem Treffen am nächsten Tag.
Diese Treffen wiederholten sich. Bis Julia eines Tages merkte, dass sie vor dem Treffen aufgeregt war und ihre Knie leicht zitterten.
Ja, sie hatte sich verliebt.

So oder so ähnlich laufen die Dinge. Und dann findet man sich unvermutet in einer gänzlich neuen Gefühlsumgebung wieder. Alles hat sich verändert, die Welt sieht völlig anders aus, ziemlich verklärt und meist rosarot.
Die Liebesforscher haben herausgefunden: Die Intensität des Liebesgefühls reicht von dem Zustand einer leichten Schwärmerei bis zu einem extremen, fast schmerzhaften Erleben des oder der Verliebten. Gekennzeichnet durch ein beständiges Denken an die geliebte Person, manchmal auch begleitet von der Furcht, keine Gegenliebe zu erfahren oder die Person überhaupt zu verlieren.
Aber keine Angst, in der Regel und zum Glück für uns, ist der Zustand des Verliebtseins meist mit einem sehr schönen Gefühl verbunden, welches uns innerlich über den Alltag erhebt und manche Sorgen vergessen lässt. Und Möglichkeiten zum Verlieben bietet gerade die heutige Zeit sehr viele an. Eine moderne Form davon führt beispielsweise über eine Singlebörse.
Aber wenn es passiert ist, wo befinden wir uns dann? Was ist dann anders, als vorher?
Nun, die Neurobiologen und die Gehirnforscher halten hier eine Liste von Botenstoffen bereit, welche unser Gehirn ausschüttet und die uns auf biochemischem Wege die entsprechenden Empfindungen vermitteln. Meist in Form von Euphorie, glückseliger Sehnsucht oder intensivem Verlangen.
Gut, schön. Für den, der selbst nicht verliebt ist und sich für den inneren Zustand von Verliebten interessiert, mag das ja interessant sein. Aber für den verliebten Menschen ist eine Ursachenforschung in seinem Gehirn weniger wichtig. Und noch weniger romantisch.
Er befindet sich ja in einer Situation der Abgehobenheit, der Verklärtheit. Und das Abgehobensein macht ihn auch risikobereiter. Manchmal so sehr, dass er beispielsweise bereit, ist mit einer bis vor Kurzem noch fremden Person einen Ehevertrag einzugehen. Ohne Rücksicht auf die Vergangenheit des Anderen und ohne Rücksicht auf eventuelle wirtschaftliche Probleme im Falle einer späteren Trennung.
Mit anderen Worten: Sie oder er negieren Fehler oder Probleme des geliebten Menschen, sie wollen gar nichts Negatives wissen, es besteht nur eine übermächtige Sehnsucht nach dem Anderen, die einfach keinen Platz für irgendwelche Bedenken offenlässt.
Dem ungeachtet ist das Gefühl des Verliebtseins ein schönes Gefühl, nicht selten begleitet von wundervollen Tagträumen.
Aber haben solche Stimmungen nicht auch ihre Schattenseiten? Denn, was ist, wenn der Andere nicht genauso empfindet. Wenn er sich seiner Zuneigung gar nicht sicher ist. Oder noch schlimmer: Wenn alles nur gespielt ist und Interessen anderer Art, zum Beispiel Interessen finanzieller Art dahinterstehen?
Man denke an das blutjunge Fotomodell, welches sich unsterblich in einen greisenhaften und kranken Millionär ‚verliebt'. Oder den jungen, feschen Chauffeur, der seiner gealterten Chefin den Hof macht.
Wenn solcherart zutage tritt, wo wir erkennen, dass unsere Gefühle einfach nur missbraucht wurden, dann wird unsere Euphorie rasch zu einer bösen Ernüchterung umschlagen. Vielleicht auch in Wut oder Hass. Womöglich bleiben seelische, vielleicht auch materielle Schäden zurück. Und dass die Furcht vor Enttäuschungen keine neue Erkenntnis ist, zeigen schon alte Sprüche auf. Wie: ‚Liebe macht blind' oder auch Altmeister Friedrich Schillers Worte in seinem Lied von der Glocke:

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

In dieser Beziehung befindet sich ein verliebter Mensch wahrhaftig in einem Dilemma. Laut unseren Neurobiologen kann ein hoher Grad von Verliebtheit den Zustand einer Zwangsneurose annehmen. Man gehorcht hilflos den Botenstoffen in unseren Gehirnen, wird von diesen diktiert, gesteuert, empfindet einzig den Zwang dem anderen Menschen körperlich nahe zu sein, ihn zu besitzen und verliert somit sämtliches objektive Urteilsvermögen. Wie soll man in so einem Zustand Schillers Worte beherzigen?
Nun, zum Glück sind wir nicht ganz so schutzlos der Natur ausgeliefert. Allerdings bedarf es einiger Anstrengung, wir müssen unsere Willenskraft gegen diese biochemische Übermacht einsetzen. Sollten Sie also wirklich einmal in einen Zustand, sowie oben beschrieben, geraten, so befinden Sie sich in einer Lage, ähnlich der eines Süchtigen. Und wie kann ein Süchtiger seine Sucht beenden oder zumindest unterbrechen?
Durch Entzug. Wenn Sie merken, Sie haben sich Hals über Kopf in einen Menschen verliebt. So sehr verliebt, dass Sie Ihr restliches Leben mit dieser Person verbringen wollen. Andererseits Sie aber überhaupt nichts über diesen Jemand wissen. Dann empfiehlt sich eine kurze, wenn auch schmerzliche Prozedur des Zurückziehens, die man nutzen soll, um wieder zu einem klaren Kopf zurückzufinden.
In dieser Pause sollten Sie sich sammeln, etwas Abstand gewinnen und auch ein wenig recherchieren, um mehr über die geliebte Person herauszufinden.
Und Sie sollten dann imstande sein, abzuschätzen, ob Sie mit diesen Menschen auch dann noch zusammenleben können, wenn sich die erste Euphorie schon wieder gelegt hat und auch - ob Ihre jetzt noch heftige Verliebtheit in ein Stadium der reifen Liebe und später in die schönen Eigenschaften der Vertrautheit, der Zuneigung und des Zueinanderstehens übergehen kann.
Wenn Sie bis zu diesem Punkt gefunden haben oder wenn Ihr Fall so aussieht: Sie sind in jemanden verliebt, den sie gut kennen und Sie auch fest überzeugt sind, mit diesen Menschen zusammenleben zu können:
Dann zaudern Sie nicht. Nehmen Sie Ihr Schicksal in die Hand. Warten Sie nicht so lange ab, bis der erste Gefühlssturm vorüber ist und vielleicht jemand Anderer Ihre Stelle einnimmt. Möglicherweise deswegen, weil Sie zulange gezögert, und damit Zweifel bei Ihrem Partner gesät haben.

Kontakt
Reload